Offener Brief an den Verband Deutscher Sportjournalisten
von admin | 1 Kommentar
Sehr geehrter Herr Laaser, liebe Kolleginnen und Kollegen,
es gibt Dinge, die brauchen Zeit. Bei einigen von uns hat es sogar sehr lange bis zu diesem Entschluss gebraucht. Daran lässt sich erkennen, dass es sich hier nicht um eine Spontanreaktion handelt. Vielmehr haben sich Frust und Unmut bei vielen von uns über Jahre hinweg aufgestaut – nun ziehen wir daraus die Konsequenzen:
Die Unterzeichner erklären hiermit den Austritt aus den jeweiligen Regionalvereinen des Verbandes Deutscher Sportjournalisten (VDS).
Wer einem Verband den Rücken kehrt, der sollte dafür die Gründe benennen. Wir wollen dies gerne tun.
Auf der Vorstandsebene des VDS können wir nur eine unzureichende Bereitschaft erkennen, sich mit fundamentalen Fragestellungen in unserem Berufsstand auseinander zu setzen. So negiert der VDS die mittlerweile kaum noch überbrückbaren Gegensätze zwischen großen Teilen der Printjournalisten auf der einen und weiten Teilen der TV- und Radiokollegen auf der anderen Seite. Das Abdriften des Sportjournalismus in das reine Unterhaltungsressort und der Rückgang kritischer, distanzierter Berichterstattung werden anstandslos hingenommen. Dass sich manche Kollegen statt von den Mindeststandards an ihre journalistische Arbeit eher von PR-Gesichtspunkten leiten lassen, ist besorgniserregend. Derartigen Tendenzen kann man nicht mit einem verschärften Kuschelstil und hilflosen Appellen begegnen. Es geht hier um Grundfragen des (Sport)-Journalismus, es geht um gesellschaftspolitische Fragestellungen, auf die eine berufsständische Organisation wie der VDS adäquate Antworten finden sollte. Diese aber vermissen wir, und zwar auf breiter Front, so dass wir uns größte Sorgen machen um die Zukunft unseres Berufsstandes.
Zögern und Taktieren bringen uns nicht weiter, dafür sind die Probleme und Gefahren zu groß. Einige von uns haben sich in den Regionalvereinen engagiert und dort Ideen und Projekte eingebracht. Doch sie mussten feststellen, dass damit die VDS-Strukturen nicht nachhaltig zu ändern sind. Was an verdienstvoller ehrenamtlicher Arbeit in Regionalverbänden geleistet wird, verpufft; vieles dringt zwar an die VDS-Spitze durch, wird dort aber nicht entsprechend aufgenommen. Deshalb sehen wir uns künftig besser in einem sportnetzwerk von gleich gesinnten Kollegen aufgehoben. Dieses Netzwerk existiert bereits und hat sich zahlreichen Projekten verschrieben.
Vereinzelt mussten wir während der konstruktiven Diskussion im Vorfeld unserer Austritts-Entscheidung hören, dass es uns um die Bildung eines elitären Kreises ginge. Derartige Vorwürfe entbehren jeder Grundlage. Seit wann ist es elitär, sich für Qualität einzusetzen und Probleme deutlicher zu benennen, als es der VDS-Präsident tut? Seit wann ist es elitär, sich untereinander zu vernetzen, also freiwillig Wissen und Kontakte weiterzugeben? Seit wann ist es elitär, zu recherchieren, seinen Job ernst zu nehmen und die Perspektive zu wahren? Seit wann ist es elitär, an journalistische Grundtugenden zu erinnern und diese pflegen zu wollen? Sportjournalisten sollten keine Promoter und Verkäufer sein; sie sitzen nicht mit den Objekten ihrer Berichterstattung in einem Boot – eine derartige Betrachtungsweise scheint allerdings im VDS nur wenige Anhänger zu finden.
Uns geht es um nicht mehr und nicht weniger, als unser Berufsbild zu schärfen. Die Resonanz zur Mitwirkung an diesem sportnetzwerk beweist, dass auch außerhalb des Sportjournalismus der große Wunsch besteht, ins Gespräch zu kommen und gemeinsam etwas voranzubringen: Zuvorderst einen Sportjournalismus, der in der Lage ist, angemessen die gesellschaftliche Bedeutung des Sports zu behandeln und sich mit der Berichterstattung auseinanderzusetzen. Nach wenigen Tagen haben bereits mehrere hundert Personen aus dreizehn Ländern Interesse an unserem Netzwerk bekundet. Es haben sich bisher gemeldet: Sportjournalisten von überregionalen Tageszeitungen, Lokalzeitungen, Internetanbietern, TV-Stationen, Radiosendern, Magazinen und Wochenzeitungen; Medienjournalisten, Politikjournalisten, Feuilletonisten, politische Korrespondenten, Reporter; Kommunikationswissenschaftler; Ökonomen; Sportwissenschaftler; Volontäre; Studenten; Doktoranden; Soziologen; Pensionäre; Mediziner; Rechtsanwälte; Schriftsteller; Schauspieler; Chefredakteure; Beamte; Politiker; Sportfunktionäre und ein Kabarettist. Unser Angebot wird zunehmend von jungen Kollegen und Kollegen von Lokalsportredaktionen wahrgenommen.
Das sportnetzwerk steht allen offen, selbstverständlich auch VDS-Mitgliedern, die an Sportjournalismus interessiert sind. Uns geht es um Recherche statt Quote, um Distanz statt Nähe, um Analyse statt Stimmungsmache, um Berichterstattung statt Präsentation – also um journalistische Qualitätssicherung. Wir freuen uns über die Mitarbeit und das Engagement aller an unseren Zielen interessierter Kollegen. Auf gewisse Unterschiede zwischen Journalismus, PR, Marketing und Lobbyismus werden wir allerdings achten. Der VDS tut das leider nicht in einem Maße, wie es uns angemessen erscheint.
Mit freundlichen Grüßen
Javier Caceres, Süddeutsche Zeitung; Herbert Fischer-Solms, Deutschlandfunk; Thorsten Jungholt, Welt am Sonntag; Michael Gernandt, eh. Süddeutsche Zeitung; Matthias Lieske, Berliner Zeitung; Frank Mertens, Netzeitung; Ralf Meutgens, freier Journalist; Astrid Rawohl, Deutschlandfunk; Hans-Joachim Seppelt, RBB; Andreas Singler, freier Journalist; Jens Weinreich, Berliner Zeitung; Ralf Wiegand, Süddeutsche Zeitung; Jörg Winterfeldt, Die Welt/Welt am Sonntag; Holger Gertz, Süddeutsche Zeitung; Thomas Hahn, Süddeutsche Zeitung; Robert Hartmann, freier Journalist; Anno Hecker, Frankfurter Allgemeine Zeitung; Klaus Hoeltzenbein, Süddeutsche Zeitung; Rudi Böhm, freier Journalist; Bernd Dassel, freier Journalist; Christopher Keil, Süddeutsche Zeitung; Thomas Kistner, Süddeutsche Zeitung; Barbara Klimke, Berliner Zeitung; Matthias Wolf, media akzent tv produktion
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