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die qualitätsoffensive im sportjournalismus

9. Mai 2008

Die Rolle des Sportjournalismus bei politischen Spielen

Vortrag von Thomas Hahn auf der Tagung der Macromedia-Fachhochschule für Medien in München am 5. Mai 2008: “Olympische Spiele in China – wie frei können wir berichten”. Die Veranstaltung stand im Rahmen des Welttages für Pressefreiheit, weitere Referenten waren die Asienexpertin von Amnesty International, Verena Harpe, die langjährige ARD-China-Korrespondentin Eva Corell, der ARD-Teamchef für Peking, Alexander Bleick, und der UNESCO-Vertreter Dieter Offenhäußer.

Die Rolle des Sportjournalismus bei politischen Spielen

Es wird Sie hoffentlich nicht überraschen, dass sich manche Sportjournalisten von Zeit zu Zeit so ihre Gedanken machen. Und zwar nicht nur über die Frage, ob der Elfmeter nun einer war oder nicht, oder über irgendwelche Medaillenbilanzen. Sondern über den Sport an sich. Was ist das, der Sport? Was bewirkt er? Sagt der Sport was? Und wenn er was sagt, wem sagt er was? Wieso sagt er das, was er sagt? Und: Was haben wir als Sportjournalisten über das zu sagen, was der Sport sagt? Welche Rolle spielen wir in diesem seltsamen allwöchentlich fortlaufenden Drama, das wir Sport nennen, das ein Geschäft ist und scheinbar doch ein bisschen mehr als das, weil sich sonst wohl kaum so viele Mitglieder der Gesellschaft dafür interessieren würden, Normalbürger aller Klassen, Wissenschaftler, Kulturschaffende, Unternehmer, nicht zuletzt die höchsten Politiker. Und weil es sonst wohl auch nicht hieße, es sei gesund für Körper und Geist der Jugend, wenn sie den sogenannten Vorbildern aus dem Sport nacheifere.

Journalistisch betrachtet ist der Sport ein besonderes Ressort. Manche behaupten sogar, ein besonders schwieriges Ressort. Er ist ein Ressort zwischen Unterhaltung und Wahrheit. Wir schauen in den Fernseher und glauben, dort den Sport zu sehen. In Wirklichkeit sehen wir nur den kleinen, flimmernden Ausschnitt von dem Sport, der unser Grundbedürfnis nach Zerstreuung befriedigt. Es gibt Sportjournalisten, denen dieser Ausschnitt reicht. Die haben es einfach. Die vergessen die Welt ums Stadion und alle Einflüsse, die hinterfragen wenig und folgen gehorsam dem Schauspiel. Diese Sportjournalisten sind die willkommenen Helfer der Sportunterhaltung und der Industrie, die um den Sport entstanden ist. Durch sie funktioniert der Handel mit künstlichen Mythen und Heldengeschichten immer präzise und ohne Widerrede. Durch sie wird der Sport zu einer nicht ganz billigen, aber höchst effektiven Werbebühne für Wirtschaft und Politik. Weil in ihrer Berichterstattung der Sport zuverlässig als Schauplatz positiv belegter Werte wie Jugendlichkeit, Fairness oder Völkerverständigung erscheint und immer unbelastet bleibt von irgendwelchen politischen oder sonst wie kritischen Aussagen. Schließlich sehen diese Sportjournalisten im Sport nur den Wettkampf, keine Ausdrucksform mit Inhalt, wie sie etwa das Theater darstellt. Der Sport ist in ihren Berichten schön und doof.

“Emotionsgeladene Traumfabrik”

Kompliziert wird die Aufgabe des Sportjournalisten erst dann, wenn er versucht, die Wahrheit zu dieser ganzen Helden- und Mythenindustrie darzustellen. Wenn er feststellen will, ob die Heldengeschichte wirklich eine Heldengeschichte ist oder nur der Geschäftsgang eines fachmännisch gedopten Profis. Der Sportjournalist wird erst dann richtig gefordert, wenn er den Sport auch inhaltlich bewerten will. Wenn er den Sport nicht nur als plumpe Massenunterhaltung sieht und ihn entsprechend bewertet. Wenn er für das Publikum sozusagen die Unterscheidung zwischen gutem Sport und schlechtem Sport treffen will. Zwischen einem Sport also, der tatsächlich Ausdruck authentischer menschlicher Bewegungskultur ist und sich nur im Rahmen seiner gesellschaftlichen Verantwortung – etwa im Sinne universeller Menschenrechte – als Werbebühne benutzen lässt. Und einem Sport, der alles kommerziellen Interessen unterordnet.

Sport ist Geschäft, an dem viele so genannte Partner hängen, vor allem die Sportartikelindustrie und höchst potente Sponsoren. Die Sportverbände sind Unternehmen mit streng hierarchischen Strukturen, die dafür Sorge tragen, ihr Produkt – den Sport – durch Handel zu fördern. Dieser Handel kann im Sinne eines guten Sports ablaufen. Oft aber befördert er vor allem den schlechten Sport. Kommerzialisierung und Politisierung sportlicher Leistung haben dazu geführt, dass Manipulationen aller Art gerade die olympische Geschichte geprägt haben und weiterhin prägen. Welche Rolle die Lobbyisten dabei den Sportjournalisten zuschreiben, ist klar: Die Sportjournalisten sind erwünscht, sie werden sogar gebraucht, aber natürlich sollen sie in ihren Berichten ganz im Rahmen des kleinen Ausschnitts bleiben, der ins Format einer emotionsgeladenen Traumfabrik passt.

Man kann dabei durchaus den Eindruck bekommen, dass der Sport seine eigene Pressefreiheit pflegt: Die Presse ist frei, solange ihre Berichte dem Sport dienen. Der Blick über den Tellerrand hinaus aber, die kritischen Fragen im Sinne der Wahrheitsfindung, die übrigens der Glaubwürdigkeit des Sports dienen, sind auf höchster sportpolitischer Ebene bestenfalls geduldet. Eher muss man in vielen Fällen sagen: Sie sind nicht erwünscht, werden abgetan und von den verbandseigenen PR-Strategen abgewehrt, weil sie, wie man immer wieder hört, „nicht positiv für unseren Sport“ seien und man Sport und Politik trennen müsse. Das zeigt die Erfahrung.

“Vermittler olympisch-chinesischer Schönheit”

Die Rolle des Sportjournalisten im Sport ist also ohnehin schon gekennzeichnet von einem schweren Konflikt. Einerseits bietet der Sport wunderbare Bilder und Geschichten, andererseits ist nicht klar, ob diese wunderbaren Bilder und Geschichten überhaupt die Wahrheit sind. Bei den Olympischen Spielen in Peking nun ist die Rolle der Sportjournalisten noch zerrissener. Zu der Aufgabe, den Sport in all seinen Widersprüchen darzustellen, kommt die Aufgabe, hinter all dem Prunk eines perfekt organisierten Weltsportfests die politische Rolle dieser Spiele als glamouröse Selbstdarstellung einer autoritären Regierung zu erkennen, die ihre politische Öffnung bei weitem nicht so eilig vorantreibt wie ihre wirtschaftliche Öffnung.

In der Vorstellung der Geschäftspartner IOC und China sind die Sportjournalisten für Peking zweierlei:

  • Erstens die Vermittler olympisch-chinesischer Schönheit.
  • Zweitens Alibi für das, was die Herren der Ringe stolz Pressefreiheit nennen und was in Wirklichkeit die Karikatur eines Freiheitsrechts ist, das genau in jenen globalisierten Wirtschaftsnationen zum Standard gehört, zu denen China sich selbst zählen will.

Denn die olympische Pressefreiheit ist ein zweijähriger Zeitkorridor, in dem ausschließlich ausländische Journalisten frei berichten dürfen; allerdings offensichtlich auch nur in bestimmten Teilen Chinas, denn nach den Unruhen in Tibet war der Zugang dorthin auch ausländischen Journalisten versperrt. Als Sportjournalist darf man sich bei den Pekinger Spielen demnach von zweierlei Seiten vereinnahmt fühlen. Von der Sportlobby und von der chinesischen Regierung.

Was tun? Sollen wir boykottieren? Das geht nicht. Journalisten können ein Ereignis nicht boykottieren. Sie können nicht einfach nicht hingehen, bloß weil ihnen etwas nicht passt. Sie müssen berichten, sonst ist der Wahrheit erst recht nicht gedient. Redaktionen können bestenfalls ihre Teams verkleinern, wenn die eigene Olympia-Mannschaft die Spiele boykottiert.

Sollen wir einfach nicht über den Sport berichten? Sondern nur über die Politik und chinesische Menschenrechtsverletzungen, die nicht sichtbar sein werden während der Spiele? Das geht auch nicht. Erstens gibt es ein berechtigtes Interesse der heimischen Öffentlichkeit am sportlichen Geschehen. Zweitens könnte das dem Sport so passen, dass vor lauter Politik seine eigenen Konfliktfelder unbearbeitet bleiben. Andererseits können wir Sportjournalisten es auch nicht wie die Sportler halten, die unpolitische Haltungen mit der Konzentration auf den Wettkampf entschuldigen oder mit der olympischen Charta, die politische Demonstrationen verbietet. Dazu sind wir ja Journalisten, dass wir uns eben nicht nur auf den Wettkampf konzentrieren, sondern auf unsere Aufgabe, die keineswegs nur eine administrative oder rein chronistische ist. Wir sehen uns vor ein Dilemma gestellt, das in Peking nicht wirklich zu überbrücken sein wird.

Die Sportjournalisten werden nicht jeden Medaillengewinn in den großen politischen Zusammenhang stellen können. Wir können nur kritische Beobachter sein, die genau prüfen, wie sich der politische Konflikt zwischen demokratischer Welt und China in den Stadien widerspiegelt und immer wieder thematisch eintauchen in den Hintergrund dieser Spiele. Wir können die Monate vor Olympia nutzen, um die Probleme darzustellen, die mit diesen Spielen verbunden sind, und Diskussionen darstellen – so wie das auch in den vergangenen Wochen geschehen ist. Wir können eine Einstellung finden zu einem riesigen, vielfältigen Land, dessen politisches System wir aus unserer Kultur heraus als Mitglieder einer freiheitlichen Gesellschaft sehr kritisch betrachten müssen. Wir können versuchen, einen Tonfall zu finden, der wenigstens die kleine Chance eröffnet, dass die Kritisierten unsere Kritik verstehen, ernst nehmen und sich darüber Gedanken machen. Und wir können uns unserer zerrissenen Rolle bewusst sein. Wir sollen Marionetten sein in Peking. Aber wir können sprechen. Wir können der Propaganda wenigstens unser Wort und unsere Vernunft entgegensetzen.

1 Kommentar(e)

  1. Tammo Lotz | 12. Jul 2008 | Reply

    Lieber Thomas Hahn,

    ich erwarte Ihre Berichte und Reportagen aus Peking von der Schnittstelle zwischen Unterhaltung und Wirklichkeit mit Interesse und Spannung.

    Viele Grüße,

    Tammo Lotz

1 Trackback(s)

  1. Aug 17, 2008: Peking, Tag 17 : jens weinreich

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