Gipfeltreffen: Jennings und Walsh
von Bjoern Boch | 4 Kommentare
Wenn sich David Walsh und Andrew Jennings, zwei Könner der investigativen Recherche, über die Zukunft des Sports unterhalten, könnten die Aussichten freundlicher sein. Aber Briten machen ja auch aus schlechtem Wetter das Beste. Die Frage, die David Walsh beschäftigt: Hat der Sport überhaupt genug Mumm, den Kampf gegen das Doping aufzunehmen? Es sieht nicht wirklich gut aus. Dafür spricht schon die Tatsache, dass sich seit dem ersten großen Tour-Doping-Skandal der jüngeren Geschichte, seit den Ereignissen rund um das Team “Festina” im Jahr 1998, nicht sonderlich viel getan hat. Und weiter systematisch gedopt wird. Geld fließt. Wie immer.
Die Welt des Radsports liegt Walsh am Herzen. Und das Herz schmerzt bisweilen sehr. Vier Komponenten hat der Sportjournalist ausgemacht, durch deren Zusammenspiel sich etwas ändern könnte in der Welt des Spitzensports. Die Polizei, die Sportler selbst, die Zuschauer sowie die Funktionäre und Sponsoren. Den Ermittlungsbehörden traut er dabei Signalwirkung zu. “Es hat sich gezeigt, dass der Sport nicht auf sich selbst aufpassen kann.” Und überhaupt, “was gibt es denn für einen Grund, den Sport in einer eigenen Gerichtsbarkeit zu belassen“, ergänzt Andrew Jennings. Über diese Regel kann er, wie über so manches, nur den Kopf schütteln. Wenn die Strafen erst einmal härter seien, wäre Doping auch weniger verbreitet.
Das könnte ein erster Schritt sein, denn sobald Doping generell weniger verbreitet ist, würde auch der Reiz für die Sportler geringer sein, zu dopen. „Heute weiß jeder Profi, dass er ohne Doping kaum eine Chance hat. Mit jedem Gegner, der nicht dopt, erhört sich die Zahl der Gegner, die man auch ohne verbotene Mittel schlagen kann“, sagt Walsh. Und regt sich maßlos darüber auf, wie bereits in den Jugendabteilungen Doping betrieben und so der Sport, bei dem eigentlich Leistung und Gesundheit zählen, korrumpiert wird.
Die Illusion eines Übermenschen
Weniger Doping – das, so Walsh, würde letztlich auch dem Zuschauer gefallen. Auch, wenn es nicht jedes Jahr einen Sensationsritt nach L’Alpe D’Huez oder einen Fabel-Weltrekord gebe. Er kenne wenige Zuschauer, die sich wirklich nur solche Sportler wie Lance Armstrong wünschten. Er sei ein Kontrast gewesen, die Illusion eines Übermenschen. „In diesen Jahren war das Realste an der Tour de France das Picknick der Zuschauer.“ Der Rest sei unwirklich gewesen, entrückt, falsch. Und wenn die Zuschauer die Tour der Leiden wieder aktiv schätzen lernen, mitleiden und mitfiebern können, weil eben auch ihre Helden Schwächen haben, dann werden das auch die Sponsoren verstehen. Und die Funktionäre müssten nicht heimlich Doping gutheißen, weil Rekorde mehr Sponsoren-Gelder bedeuten.
Vor allem bei den Funktionären kann sich Jennings das Lachen kaum verkneifen. Er ist fertig mit den Lenkern des Sports. Doch Quote für den Spitzensport, meint Walsh, gibt es vielleicht auch ohne die ganz große Sensation.
Nur: Brauchen wir überhaupt noch den Spitzensport? Nicht, wenn es nach David Walsh geht. Das ist seine vielleicht größte Utopie. “Ich fände es gut, wenn wir uns von manchen dopingverseuchten Ereignissen einfach eine Weile abwenden würden. Ich trainiere beispielsweise eine U-17-Fußball-Mannschaft. Und jedes Spiel dieser Jungs ist ehrlicher und macht mich glücklicher als ein “Top-Spiel in der Premier-League.”
- Webseite von Andrew Jennings
- Workshop mit AJ in Dortmund: How to get the documents they don’t want me to see?
- Vortrag von AJ in Dortmund: The stories they don’t want you to tell
- David Walsh bei Wikipedia
- Vortrag von David Walsh in Dortmund: Lance Armstrong – a story too good to be untrue
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