Das große Schweigen: vom Versagen der Sportwissenschaft
von Florian Luetticke | 5 Kommentare
Es gibt sie – Sportjournalisten, die sich dem versagen, was Hans Leyendecker als „klebrige Nähe“ beobachtet hat. Jens Weinreich gehört zu diesen Aufrechten. Doch bei seiner Suche nach unabhängiger Expertise aus der Sportwissenschaft findet der Sportchef der Berliner Zeitung eine Spezies, die ebenfalls schmierige Fäden spinnt.
„Astrid“ trägt Informationen über IOC-Mitglieder zusammen. Brisante Informationen. „Spezielle Neigungen“ habe einer von ihnen, schreibt Astrid. Das ist in den Dokumenten, die Weinreich präsentiert, zu lesen. Astrid arbeitet im Dienste einer Beratungsfirma. Diese soll der Berliner Olympiabewerbung Anfang der Neunziger Jahre den Zuspruch sichern. „Bei Geschenken für Familienangehörige der IOC-Mitglieder“ sei auf „Gleichberechtigung“ zu achten, empfiehlt Astrid. Astrid wird für diese „unglaublichen Kenntnisse“ (Weinreich) gut bezahlt. Astrid ist ein selbst gewählter Deckname. In Wirklichkeit arbeitete Astrid zu dieser Zeit hauptberuflich für eine deutsche Hochschule als Sporthistoriker.

Verfangene Sportwissenschaftler
„Sportwissenschaftler machen sich zu Knechten und Mägden der Sportfunktionäre“, konstatiert Weinreich. Ein Satz seines Vortrags „Das große Schweigen: vom Versagen der Sportwissenschaft“, dem auch Akteure aus dem System in der anschließenden Diskussion nicht widersprechen wollen. Angesichts der Verfangenheit von Wissenschaftlern in Sportverbänden werde ihm „schwarz vor Augen“, bestätigt Professor Claus Eurich, Kommunikationswissenschaftler von der TU Dortmund.
Aus verschiedenen Disziplinen der Sportwissenschaften nennt Weinreich Beispiele für seine These. „Verurteilte Kinderschänder sind noch heute in Lohn und Brot“, prangert er Sportmediziner an, die bereits im DDR-Doping-System aktiv waren. Sportökonomen schreibt er „Zauberfähigkeiten“ zu, da diese „jede Olympiabewerbung so rechnen, dass sie sich rechnet.“ Weinreich erwähnt den öffentlichen Vortrag eines Sporthistorikers, der Francesco Conconi „in den Himmel“ lobt. Jenen Conconi, dessen Freispruch in zahlreichen Anklagepunkten die Neue Zürcher Zeitung 2003 als „Farce hinter verschlossenen Türen“ bezeichnet hatte.
Ansprechpartner Mangelware
Geeignete sportwissenschaftliche Ansprechpartner zu finden, gestaltet sich demnach für Sportjournalisten schwierig. Auch biete beispielsweise die Deutsche Vereinigung für Sportwissenschaft nur ein enttäuschendes Seminar-Angebot an, sagt Weinreich. Texte in sportwissenschaftlichen Zeitungen „hinken dem Qualitäts-Journalismus im Grad der Erkenntnis hinterher“. Der Philosoph Gunter Gebauer wird zitiert: „Sportwissenschaftler sind an der Kritik des Sports nicht interessiert. Wenn sie sich einmischen in Aktualitäten, dann tun sie das auf der Seite der Sportverbände.“
So bleibt dem Zuhörer noch länger die mahnende Frage von Professor Eurich im Kopf: „Wo soll Reflexivität stattfinden, wenn nicht im System der Wissenschaft?“
- Webseite von Jens Weinreich
- Vortrag von JW in Dortmund: Unter Druck – die Rolle des Journalismus im Milliardengeschäft mit dem Sport.
- Workshop von JW in Dortmund: Zwischen Nähe und Distanz – ein Filmporträt über Joseph Blatter
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