Von Lügnern, Tricksern und Überzeugungstätern
von Stefan Rueter | 0 Kommentare
Investigative Recherche zwischen Terror- und Dopingberichterstattung
Als Elmar Theveßen, stellvertretender Chefredakteur des ZDF, an das Rednerpult trat, erwarteten alle einen Vortrag zum Thema „Investigative Recherche zwischen Terror- und Dopingberichterstattung“. Doch das, was daraus wurde, war viel spannender: Eine Beschreibung der Probleme von Doping- und Terrorberichterstattung im Fernsehen sowie eine Diskussion um Sorgfalt im Journalismus.
Denn gleich zu Beginn widmet sich Theveßen einem Artikel der Süddeutschen Zeitung über die Wiener Blutbank. Berichtet wird über eine anonyme Anzeige und eine Liste, auf der 30 Namen von Sportlern stehen, darunter auch viele Deutsche. Theveßen ist erfreut, dass die „Süddeutsche“ die Namen nicht veröffentlicht hat, denn die Anzeige ist anonym. Und so ist der ZDF-Journalist auch schnell beim Thema Sorgfalt angelangt. „Denn es ist immer die Frage, wie weit man sich aus dem Fenster lehnt. Der ARD-Kollege Hajo Seppelt hat sich dabei eine blutige Nase geholt“, sagt Elmar Theveßen mit dem Blick auf die Meldungen vom Januar. Beim neuen Dokument hat Theveßen schnell erkannt, dass die Namen lediglich auf Hörensagen beruhen. „Erst sind die Angaben des Informanten sehr detailliert. Bei den Namen hat er aber nicht mehr viel zu bieten“, weist Theveßen auf die komplizierten Umstände der Dopingberichterstattung hin. Das ZDF ziehe daraus Konsequenten. Doch wem kann man glauben? Was darf man senden oder schreiben? Verdachtsberichterstattung: Ja oder Nein?
„Die Medien dürfen ihre Verantwortung nicht unterschätzen. Wenn man einfach die Namen veröffentlicht, sind diese Personen für den Rest ihrer Karriere geschädigt“, appelliert Theveßen an die Sorgfalt seiner Kollegen. Diese sehen das zum Teil anders. So gibt ARD-Dopingexperte Hajo Seppelt zu, dass er einen Generalverdacht gegenüber allen Sportlern hat. Er selbst wurde für seine Berichterstattung über die Wiener Blutbank von einem leitenden Redakteur der Süddeutschen Zeitung, Hans Leyendecker, zum Teil in Schutz genommen. „Nach den Kriterien der Verdachtsberichterstattung, die ein aus dem Artikel 5 des Grundgesetzes abgeleitetes Privileg der Medien ist, war seine Berichterstattung zulässig“, schrieb Leyendecker am 20. Januar.
Theveßen sieht das anders. „Wir dürfen unsere journalistische Sorgfalt nicht vergessen, nur um Erster zu sein“, sagt der ZDF-Journalist, der von der bloßen Verdachtsberichterstattung nicht viel hält.
“Was wir machen, machen wir verkehrt”
Welchen Problemen das Fernsehen im Speziellen unterliegt, versucht Theveßen anschließend zu erklären. Ist es Show oder Journalismus, was wöchentlich in den Live-Übertragungen über den Fernseher in die deutschen Wohnzimmer flimmert? „Wir können machen was wir wollen: Weil wir ein Massenmedium sind und auch sportliche Helden schaffen, sind wir Teil des Systems“, gibt Theveßen zu. Der aber auch zu beschreiben versucht, was genau die Probleme des Fernsehens sind.
“Wenn wir etwas live übertragen, wird es immer als reines Spektakel eingestuft. Dabei ist doch die Grundlage dafür, dass wir zum Beispiel Live-Bilder von der Doping-Razzia bei den Olympischen Spielen in Turin hatten, die investigative Recherche“, verteidigt er sich. „Denn egal, was wir machen, wir machen es verkehrt“, klagt Theveßen, „übertragen wir die Tour de France, kritisieren uns viele Printmedien. Übertragen wir nicht, sind viele Zuschauer verärgert und kritische Berichterstattung ist dann auch nur noch eingeschränkt möglich.“
Das ZDF habe deshalb eine eigene Doping-Task-Force eingerichtet, sieben Journalisten werden zu den Olympischen Spielen nach Peking reisen, um sich ausschließlich mit dem Thema Doping zu befassen. „Wir wollen weiter über sportliche Großereignisse berichten, aber gleichzeitig schonungslos aufdecken“, sagt Theveßen und kündigt für dieses Jahr zwei große ZDF-Dokumentationen zum Thema Doping an. Verdachtsberichterstattung wird es beim ZDF dabei sicherlich nicht geben.
- Elmar Theveßen bei Wikipedia
- Kai Pahl (allesaußersport) zum Vortrag von Elmar Theveßen und zur anschließenden Diskussion um Kristin Otto/ZDF
- Oliver Fritsch (direkter freistoss) zur Diskussion mit ET
- Blog von Jens Weinreich zum Thema Blutdoping/ARD-Berichterstattung: “Wiener Blut”
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