Lance Armstrong – a story too good to be untrue
von Bjoern Boch | 1 Kommentar
“Niemand darf Objektivität dazu benutzen, die Wahrheit zu verdecken”
Von einem vielbeschäftigten Mann wie David Walsh darf man nicht erwarten, dass er immer pünktlich den Flieger erwischt. Als er Dortmund dann doch noch erreichte, hatte er viel Wissenswertes über seine Recherchen zum Fall Lance Armstrong im Gepäck. Und eine neue Theorie des wahrheitsorientierten Journalismus.
Darf ein Sportjournalist einen Profi-Radfahrer kritisieren, der mit dem Präsidenten der USA Mountainbike fährt? Offenbar nicht. David Walsh, Chefreporter der Sunday Times, musste diese Erfahrung machen. In den mit Lance Armstrong sehr vereinigten Staaten suchte er einen Verleger für sein Buch „From Lance to Landis“, in dem er die Doping-Geschichte des Radsports, insbesondere des amerikanischen, aufarbeitet. Doch keiner wollte ihn verlegen.
Armstrong ist beliebt – und gut geschützt. Auch von George W. Bush.
„Die Geschichte war einfach zu gut, um nicht wahr zu sein“, sagt Walsh über den Fall Armstrong. Die Geschichte eines zunächst durchschnittlichen Radfahrers, der den Krebs besiegt und anschließend sieben Mal die Tour de France gewinnt. „Da musste was faul sein, alle Journalisten bei der Tour wussten das.“ Die Chefs, die Verleger und schließlich das Publikum selbst wollten aber lieber die andere, die schönere, die saubere Geschichte hören.
Trotzdem – David Walsh hat sie nicht geglaubt und dem Fall bereits zuvor die Bücher „L.A. Confidential“ und „L.A. Official“ gewidmet. Eine seiner Leitfragen, vor allem für den Radsport: Gibt es überhaupt noch eine Möglichkeit für saubere Athleten, in diesem Sport mitzuhalten? Für den Journalismus hat Walsh daraus sein ganz eigenes Gesetz der Objektivität abgeleitet. „Niemand darf Objektivität dazu benutzen, die Wahrheit zu verdecken.“ Ist ein Berichterstatter von etwas überzeugt, wie Walsh es von Armstrongs Doping-Praktiken war, darf er den Artikel, die Geschichte, das Buch nicht um jeden Preis ausgewogen gestalten wollen. „Klar, die Gegenseite muss gehört werden, muss zu einem Vorwurf Stellung beziehen dürfen.“
Das Buch bleibt – sollte Armstrong Präsident werden wollen
Aber wenn eindeutig ist, wer der „good guy“ und wer der „bad guy“ ist, gebe es keinen Grund, beiden Seiten gleich viel Raum zu geben. Und wenn ein Mann wie Armstrong von der UCI, den Fans, einer ganzen Nation und ihrem Präsidenten unterstützt wird, muss es ja einen geben, der mal die andere Seite der Geschichte erzählt. Jens Sejer Andersen, verantwortlich für das Sportjournalismus-Netzwerk Play the Game, prägte hierfür den Begriff der „informierten Subjektivität“. Gut, ausgewogen, hartnäckig, unvoreingenommen recherchieren. Und wenn man weiß, was man wissen wollte, dann sollte man auch die richtigen Schwerpunkte setzen.
Wichtig für Walsh war auch die Art, das Buch zu schreiben. Er wusste,
dass Armstrong ihn verklagen würde. Deshalb gab es keine anonymen Quellen in seinen Büchern. Teile, die er nicht belegen konnte, auch wenn sie sicher wahr waren, wurden aus den Büchern gestrichen. Und am Ende der Recherchen wurde Armstrong auch mit allen Vorwürfen konfrontiert. “Er hat mir aber nur einen bestimmten Finger gezeigt”, erzählt Walsh. Verklagt hat Armstrong ihn trotzdem. Gewonnen vor Gericht hat Walsh.
Eine Hoffnung verbindet Walsh auch mit seinen Veröffentlichungen. „Lance Armstrong wird bald versuchen, Gouverneur von Texas zu werden. Er hat sich die Politik als sein nächstes Schlachtfeld ausgesucht, ich glaube, dass er Präsident werden will.“ Und wenn es zu diesen Ambitionen tatsächlich kommen sollte, werden die Leute vielleicht eines der Bücher von David Walsh herausholen. Und Sätze wie diesen lesen, den Armstrongs ehemaliger Team-Kamerad Cedric Vasseur über seinen Chef sagte: „Er ist ein Chef, ein Dominator, der am liebsten für Gott gehalten werden möchte. Er hält jeden für seinen Feind, will sich schützen und das Recht des Stärkeren etablieren.“
- David Walsh bei Wikipedia
- Diskussion mit David Walsh und Andrew Jennings
David Walsh is chief sports writer with The Sunday Times (London). A four-time Irish Sportswriter of the Year and a three-time U.K. Sportswriter of the Year, he is married with seven children and lives in Cambridge, England. (Quelle: Randomhouse)
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